Der Zunfttisch aus R20-Holz

Auf der Baustelle im Casino Bern hat die finale Phase begonnen: Nachdem die Räume ihren alten, beziehungsweise neuen Glanz zurückerhalten haben, bringen die Möbel das Gesamtbild zusammen. Besonders hervorzuheben ist hierbei ein grosser, runder Tisch aus R20-Eiche. Holz, das im Umkreis von 20 Kilometern um das Bundeshaus gewachsen ist. Dieser «Zunfttisch» repräsentiert die 13 Zünfte und Gesellschaften Berns sowie die Burgergesellschaft. Eine Entstehungsgeschichte.

Fährt man mit dem Bus vom Hauptbahnhof Bern zur Station Länggasse, fragt man sich bereits nach wenigen Schritten, wo denn die Stadt geblieben ist. Die Luft ist frisch und erfüllt von Vogelgezwitscher, kräftiges Grün wohin das Auge blickt. Darin eingebettet ist ein Gebäude, das nicht gross auffällt, in dem aber so einiges los ist. Es ist der Forstbetrieb der Burgergemeinde Bern.

Vom Baum…

«Die Bäume, die wir heute pflanzen, werden erst von der nächsten Generation geerntet. Wir werden nie wissen, was aus ihnen wird. Ich schätze, dies haben wir mit Lehrerinnen und Lehrern gemeinsam, die sehen die Früchte ihrer Arbeit auch nicht», meint Stefan Flückiger, Betriebsleiter des Forstbetriebs der Burgergemeinde Bern. Er schaut an die Holzdecke seines grosszügigen Büroraumes: «Da sieht man noch Äste in den Brettern. Dem Schreiner gefällt das nicht, dem Förster schon.» Und fügt hinzu: «Die Decke ist übrigens auch aus R20-Holz.»

Der Betriebsleiter des Forstbetriebs der Burgergemeinde Bern, Stefan Flückiger, zeigt, woher das Holz für den Zunfttisch stammt
Der Betriebsleiter des Forstbetriebs der Burgergemeinde Bern, Stefan Flückiger, zeigt, woher das Holz für den Zunfttisch stammt

R20, also Radius 20, ist ein Holzlabel der Burgergemeinde Bern. Dieses garantiert die Produktion und die Verarbeitung von Holz innerhalb eines Radius von 20 Kilometern um das Bundeshaus. Und genau so ergeht es dem Zunfttisch, der aus Bäumen produziert wird, von denen Stefan Flückiger sogar weiss, wo sie standen («usm Oberacher»). Die Grundidee des Labels ist es, den «ökologischen Fussabdruck eines Durchschnittbretts» zu verringern. Man kann davon ausgehen, dass ein R20-Holz nur 10 Prozent der Emissionen gegenüber handelsüblichen Produkten verursacht.

Stefan Flückiger im burgerlichen Wald auf Kontrollgang
Stefan Flückiger im burgerlichen Wald auf Kontrollgang

R20 steht aber nicht nur für eine waldschonende und nachhaltige Forstwirtschaft, sondern auch für authentische Herkunft. Damit diese Versprechen langfristig eingehalten werden können, muss im Forstbetrieb für viele Jahre vorausgeplant werden: «Bis in dreissig Jahren werden wir hier im Mittelland ein Klima wie am Lago Maggiore erleben. Dementsprechend müssen wir heute schon geeignete, klimataugliche Bäume pflanzen», erzählt Stefan Flückiger, «so geben wir der nächsten und übernächsten Generation die Möglichkeiten, die wir heute haben.»

… zur Idee…

Eine dieser Möglichkeiten manifestiert sich im Zunfttisch, der Ende August direkt neben die Küche ins Casino Bern einzieht. Mit einem Durchmesser von 280 Zentimetern, sieben Beinen und 14 Plätzen, an denen sich je ein Wappen und eine Schublade für Besteck befinden, repräsentiert der Tisch die 13 Zünfte und Gesellschaften Berns sowie die Burgergesellschaft. Entworfen haben ihn Claudia Silberschmidt mit Christine Grauer und Anne Sauerbruch vom Innenarchitekturbüro Atelier Zürich, das sich unter der Gesamtleitung von Campanile Michetti für die Gestaltung aller Restaurantbereiche verantwortlich zeichnet: «Die Gestaltung des Casino Bern ist eine Mischung aus Respekt vor historischer Substanz, aber auch eine Neuinterpretation ebendieser», erzählt Anne Sauerbruch. Diese Überlegung sieht man dem Zunfttisch aus Eiche an. Eiche, ein vielseitiger Klassiker unter den Holzarten und zudem das Lieblingsholz von Claudia Silberschmidt.

Anne Sauerbruch erzählt, wie die Gestaltungsidee des Zunfttisches entstand
Anne Sauerbruch erzählt, wie die Gestaltungsidee des Zunfttisches entstand

…zum Tisch

Bei der Eiche handelt es sich auch um das Lieblingsholz von Roland Ammann, Produktionsleiter des Möbelherstellers Girsberger AG. Nachdem das Atelier Zürich die Pläne erstellt und der Forstbetrieb die Bäume gefällt, getrocknet und zugeschnitten hat, sind nun er und sein Team an der Reihe. Unter ohrenbetäubendem Lärm und fliegendem Sägemehl werden die Bretter gesägt. Dabei hält man sich bei Girsberger strikt an die Pläne, damit nachher alles passt und «die Latten zu einem runden Tisch zusammengefügt werden können», sagt Ammann und fügt hinzu: «Der Tisch erinnert mich an die Tafelrunde des König Artus. Mit dieser schönen, etwas knorrigen und somit charakterstarken Eiche wird der Zunfttisch ein einzigartiges Möbelstück.»

Roland Ammann zeigt, wie aus der R20-Eiche nach und nach der Zunfttisch entsteht
Roland Ammann zeigt, wie aus der R20-Eiche nach und nach der Zunfttisch entsteht

Mehr zu R20-Holz

Mehr zum Zunfttisch: Ab Eröffnung am 5. September 2019 werden für den Zunfttisch Gruppenreservationen entgegen genommen. Ab Ostern 2020 wird dann am Zunfttisch die kulinarische Geschichte des alten Berns erzählt – mit einem Mehrgangmenu, einer multimedialen Installation und einem Buch. Tickets dafür sind buchbar ab Frühjahr 2020.

Der Zunfttisch aus R20-Eiche – hier noch als „Rendering“, bald in echt im Casino Bern