Der Glanz der Geschichte

Interview mit Lea Périat, Mitglied Geschäftsleitung Casino Bern, Leiterin EVENT und verantwortlich für den Bereich MICE (Meetings Incentives Congresses Exhibitions) sowie die fremdveranstalteten Konzerte.

Seminar & Bankett, Event und Kundenbetreuung: Lea Périat
Lea Périat, verantwortlich für den Bereich MICE (Meetings Incentives Congresses Exhibitions)

Lea Périat, alles ist im Umbruch im Casino. Worauf freuen Sie sich, wenn es wieder losgeht?

Dass es wieder losgeht! Meine Arbeit im Casino Bern war von Anfang an von Veränderungen geprägt. Ich habe mit der Schliessung eine turbulente Zeit verbracht, seither arbeiten wir in unserem Team zwar weiter, aber ausserhalb der Sichtbarkeit. Wir müssen etwas Unfertiges erklären und verkaufen. Unsere Kunden buchen zum Teil zwei Jahr im Voraus.

Wie erklären Sie das unfertige Casino einem Neukunden.

Das Casino ist Teil der Geschichte Berns, und es wird im 21. Jahrhundert das kulturelle und kulinarische Leben der Region prägen. Wir bieten Gästen an, einen Teil dieser Geschichte zu spüren – sei es für eine Sitzung, ein klassisches Konzert oder ein Dinner mit Zutaten aus dem Kanton Bern. Dann zeige ich die Bilder der alten Säle. Das wirkt immer. Sie bleiben im Wesen ja genau so erhalten. Dann schicke ich den Vertrag (lacht)! Nein, im Ernst: die Kombination dieses historischen Gebäudes mit Kultur, Business und Gastronomie ist an sich einzigartig.

Sie betreuen den Bereich MICE, die englische Abkürzung für «Meetings Incentives Congresses Exhibitions». Gibt es auf deutsch auch eine passende Bezeichnung?

Eine deutsche Bezeichnung, die dem nahe kommt ist mir nicht bekannt. Vielleicht – «Veranstaltungsgeschäft» oder «Seminar und Bankette». Die Begriffe decken nicht die gleiche Bandbreite wie MICE ab. Doch egal wie man es bezeichnet: Es geht darum, Gäste zu betreuen und mit ihnen nicht bloss herauszufinden, welcher Raum am besten passt, sondern das Kulinarische abzustimmen, weitere Bedürfnisse zu besprechen und für alle Beteiligten einen  erfolgreichen Anlass durchzuführen. Egal, ob es eine Konfirmationsfeier für 50 oder eine TEDx-Veranstaltung mit 1000 Personen ist.

Renovation von unten nach oben (Bild: Simon Opladen)

 

Bauarbeiten im grossen Saal (Bild Simon Opladen)
Die Bauarbeiten im grossen Saal sind schon weit fortgeschritten. Viel Veränderung wird aber gar nicht ersichtlich sein. (Bild: Simon Opladen)

 

Wer waren bisher Ihre Kunden, wen erwarten Sie in Zukunft?

Das Casino Bern hatte immer eine grosse Vielfalt an Gästen. Die kleine Familienfeier, spontan einberufene Sitzungen, grosse Generalversammlungen, Preisverleihungen, Firmenbankette, bis hin zu den Konzerten der Klassik oder anderen Genres.

Vereinfacht gesagt erwarten wir auch zukünftig dieselbe Kundenstruktur. Durch die ausgeprägt neue und besondere Kulinarikkompetenz und neuen Nutzungsmöglichkeiten werden wir sicher für Bankette noch interessanter sein. Die prachtvollen Säle eignen sich auch perfekt für Hochzeiten. Ich vermute, dass wir in diesem Bereich mehr Interessenten haben werden, was sich jetzt bereits abzeichnet.

Neu veranstaltet das Casino ja auch eigene Veranstaltungen. Können Fremdveranstalter auch die Infrastrukturen des Casinos nutzen?

Unsere wichtigste Mieterin und so auch Fremdveranstalterin ist und bleibt das Konzert Theater Bern, respektive das Berner Symphonieorchester. Der Grosse Saal ist deren Hauptspielstätte, auch für die Proben. Damit ist der Saal aber nicht voll belegt. Wir selber werden Konzerte in den Schnittmengen, Jazz, Klassik und Pop veranstalten. Auch Variétés und Satire sind geplant, letzteres vor allem im Burgerratssaal. Aber wir haben viel investiert in bessere Logistik, Technik und Akustik. Das erlaubt uns nun, das Casino noch mehr als bisher für Fremdveranstalter zur Verfügung zu stellen. Parallelbetrieb ist nun einfacher möglich.

Was hat sich im grossen Saal verändert?

Im Herzstück des Hauses, dem Grossen Saal und Burgerratssaal, wird auf den ersten Blick keine grosse Veränderung wahrzunehmen sein. Das ist auch gut so. Denn beide sollen ihren einzigartigen Charakter bewahren. Wir mussten zwar einige Sitzplätze opfern, um den Anforderungen an Komfort und Sicherheit zu entsprechen. Auch auf den Seitengalerien gibt es kleine Veränderungen mit dem Bestreben die Sicht leicht zu verbessern. Im technischen Bereich und Backstage bieten die Säle nun wesentlich mehr. Mehr Platz hinter den Kulissen, einfachere Montage von zusätzlichem Licht- oder Tonmaterial,  das war vorher nur bedingt möglich. Das ist für grosse Bankette mit aufwändigen Showeinlagen, Preisverleihungen, Jahresversammlung oder Konzerte ein Segen.

Der grosse Saal ist und bleibt das Herzstück des Casino Bern

 

Der kleiner Burgerratssaal gehört zu den schönsten Ballrooms der Schweiz

Und wie sieht es in den unteren Geschossen aus? Da gab es ja vorher die Arven- und Bernerstuben.

Die Räume im Erdgeschoss wurden stark verändert. Sie verlieren diesen Stuben-Charakter und werden zu attraktiven, hellen Räumen, die sich zu einen grösseren Raum verbinden lassen. Der Salon Bernois ist ideal für Workshops, Sitzungen und kleinere private Feiern. Ausserdem werden wir zwei komplett neue, verglaste Sitzungszimmer mit den Namen Kubus I und Kubus II anbieten. Die befinden sich jedoch nicht im Erdgeschoss sondern zwischen den Dachbalken.

…verglaste Sitzungszimmer in diesem altehrwürdigen Gebäude?

Nun, ursprünglich bestand das Bedürfnis nach Sitzungszimmer für eigene Sitzungen. Als die Architekten sehr spezielle gläserne Kästen in den Dachbalken des Administrationstraktes vom Casino vorschlugen, fanden wir, dass wir sie unmöglich nur für uns nutzen sollten. Gäste sollten auch die Möglichkeit haben, sich in diese Kuben zurückzuziehen und über Wichtiges nachzudenken oder zu diskutieren.

Gibt es nicht schon Sitzungszimmer zuhauf in Bern?

Das Casino Bern ist sehr zentral gelegen, die Nähe zum Bundeshaus ist natürlich auch nicht unwichtig. Das Casino ist der ideale Treffpunkt, wenn nicht für die alltäglichen Sitzungen, dann für Retraiten in kleinen Gruppen. Oder für die Entwicklung von neuen Ideen. Die Umgebung – innen wie aussen – ist im Casino einzigartig. Durch unsere Kulinarikkompetenz rund um das Team von Ivo Adam werden wir Angebote haben, um die Wichtigkeit oder Kreativität dieser Sitzungen unterstreichen zu können.

Ideenentwicklungen und Kreativworkshops in kleinen Gruppen werden bei vielen Firmen immer wichtiger. Man möchte solche Meetings nicht in den eigenen, rationalen Sitzungszimmern abhalten. Kann man in einem Gebäude wie dem Casino, dass vor Geschichte nur so trieft, kreativ sein?

Unbedingt. Bei der Planung der Zukunft kann es nicht schaden, die Schönheit der Vergangenheit vor Augen zu haben.

Sind weitere neue Räume erschaffen worden?

Nun, die Restauration an sich ist nicht wieder zu erkennen. Sie besteht neu aus drei Teilen, aber alle gehören zusammen und bilden eine Einheit. Es wird für jede Tageszeit und Gelegenheit Angebote haben. Im Restaurant sieht man übrigens die Veränderung am deutlichsten, auch wenn der kleinere Teil des 74 Mio.-Umbaubudgets hier investiert wurde. Ausserdem gibt es noch das Vestibül. Es dient einerseits als Empfangs- und Garderobenhalle, mit der Sanierung wird wieder seine alte Grandezza hergestellt, so dass wir es auch für Veranstaltungen nutzen können, Spontankonzerte mit Barbetrieb nach grossen Jazzkonzerten, um ein Beispiel zu nennen. Am meisten freue ich mich auf die verstärkte Nutzung der Terrasse im ersten Obergeschoss entlang dem Südfoyer. Diese durften wir bisher aus Sicherheitsgründen nur eingeschränkt nutzen. Und das, obwohl es eine der schönsten Terrassen Berns ist. Ich sehe da einen grossen Mehrwert für unsere Gäste.

Was ist mit dem altehrwürdigen Salon Rose passiert?

Nichts. Die Farbgebung war umstritten für den Umbau, sie wurde nun belassen. Ich finde, der Salon ist wohl einer der schönsten Sitzungsräume in Bern. Nicht wegen der Wandfarbe, ich war für eine Veränderung der Farbe, sondern wegen der Aussicht über Aare, Museumsquartier und Berner Alpen.

Salon Rose im Casino Bern
Der Salon Rose behält seine Farbe, wird aber auch sanft modernisiert.

Es gibt in Bern nicht wenige Möglichkeiten, Sitzungen, Tagungen, Workshops, Kongresse und Veranstaltungen abzuhalten. Was genau hebt das Casino von den anderen Möglichkeiten ab?

Das ist richtig, je nach Grösse der Veranstaltung gibt es in Bern mehrere Optionen und doch zeichnet sich jede Location durch etwas anderes aus. Die Tagungsorganisatoren können sich damit genau das aussuchen, was für ihren Anlass am besten passt. Das Casino Bern zeichnet sicher die Historie und die zentrale Lage aus. Die Säle haben einen unvergleichlichen Wow-Effekt und wecken Emotionen und das schöne Gefühl, eingebettet in was Grossem zu sein. Wer also eine leere Hülle sucht, damit er von Grund auf eine eigene Welt gestalten kann, der ist woanders vermutlich besser aufgehoben. Ich denke, wir unterstützen zudem mit einem weit überdurchschnittlichen Kulinarikangebot. Man will den Gästen heute nicht mehr nur an Banketten und Feiern etwas Spezielles bieten, auch Tagungsteilnehmende, ja sogar Sitzungsteilnehmende sollen nicht nur inhaltlich, sondern auch kulinarisch etwas Bleibendes mitnehmen.

Wie sehen Sie Bern als Kongressstadt?

Bern ist in der geografischen Mitte der Schweiz und von allen anderen Städten gut erschlossen. Für unsere welschen Mitbürgerinnen und Mitbürger ist die Hemmschwelle, über den Röstigraben zu treten, mit Bern sicher kleiner als mit Zürich. Das ist besonders dienlich, wenn Zielgruppen aus beiden Sprachregionen angesprochen werden müssen. Zudem ist Bern sehr kompakt. Bei Grossveranstaltungen kann man die Stadt an sich als Location betrachten. Durch die Nähe zwischen den Anbietern lassen sich dann Veranstaltungsorte kombiniert nutzen. Bei grösseren Geschichten unterstützt sogar die Organisation Bern Welcome die Kongressplanenden.

Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Chancen und Herausforderungen in Ihrem Marktsegment?

Es gibt sehr hohe Auslastungsspitzen, zu deren Zeiten die meisten ihre Anlässe durchführen wollen. Das ist für die Branche sehr anspruchsvoll. Die Erwartungen an Events werden merklich grösser. Es reicht kaum mehr aus, einen Saal zur Verfügung zu stellen. Man sucht, wie in vielen anderen Lebensbereichen, das Besondere. Ausserdem lassen sich viele in den Medien von Ausgestaltung und technischer Umsetzung inspirieren. Im gleichen Stil soll dann die eigene Veranstaltung umgesetzt werden. Und trotzdem steigt der Kostendruck. Da hilft es, dass unsere Säle von selbst schon glänzen und Emotionen vermitteln, ohne zusätzliches Licht, Dekoration, Laser und Tamtam. Wir sind also kein unbeschriebenes Blatt oder eine weisse Leinwand, wir repräsentieren Geschichte und Grandezza. Ich sehe das als Stärke.