Perlen aus dem Geschäftsbericht

Die Lektüre von Geschäftsberichten ist Menschen mit Schlafstörungen wärmstens zu empfehlen. Sie bestehen zur einen Hälfte aus Zahlen und zur anderen aus langweiligen Phrasen. Das war beim Casino nicht anders. Alte Kühlschränke, neue Heizungen und die Beschlüsse der Geschäftsleitung. Gibt es Gewinn hat man gut gearbeitet. Gibt’s Verlust, ist die böse Konkurrenz oder das miese Wetter schuld. Beim Durchstöbern von alten Geschäftsberichten wurde unser Autor bei folgenden 8 Anekdoten dann aber wieder hellwach:

 

1. Schweizer Bands waren schon vor 100 Jahren: nicht so gut

Für grosse Debatten sorgten immer wieder die Bands, die im Restaurant auftraten. Eine falsche Besetzung konnte schnell mal einige tausend Franken weniger Einnahmen bedeuten. «Das Publikum verlangt etwas fürs Gemüt und nicht ausschliesslich modernstes Saxophon-Gequietsche» hielt der Casino-Verwalter 1928 fest. Nur: gute Musik war gar nicht so leicht zu kriegen. Denn auf Weisung der Fremdenpolizei mussten «während mindestens zwei Monaten Schweizer Orchester aufspielen, die unserer Bevölkerung aber nun einmal nicht behagen (meistens mit Recht!)».

Immerhin: Im Dezember 1932 konnte der Verwalter berichten, dass eine Damenkappelle restlos überzeugt hatte: «Fast alle Abende war das Restaurant voll und an Samstagen und Sonntagen über die Grenzen des Zulässigen besetzt.»

2. Als man in der Beiz noch rauchen durfte

Wegen diverser Umbauten funktionierte 1931 der Rauchabzug nicht mehr wie gewohnt, die Gäste im Restaurant beschwerten sich zu recht. Auch die Veltlinerstube war vom Rauch betroffen, allerdings notierte der Verwalter: «Das dort verkehrende Stammtischpublikum beachtet diesen aber weniger. Im Gegenteil, es herrscht dort die Überzeugung: Je dicker der Rauch, desto besser!» Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch rauchen, ganz spontan: Wann durften Sie ihre letzte Zigarette in einer Berner Gaststätte rauchen? (Lösung: am 30. Juni 2009)

3. Trittst im Morgenvollblau daher

An einem Freitagmorgen im November 1932 versammelten sich rund 150 Studenten im Kursaal. Sie gönnten sich einige Gläser, bis man ihnen am Nachmittag sagt, sie sollten sich ein anderes Lokal suchen. Also zogen sie zum Casino, setzten sich auf die Gartenterrasse und zechten weiter. Leider sangen sie auch. Und leider war für 16 Uhr ein Konzert angesagt. Kaum hatte die Band das erste Stück gespielt, forderten die Studenten lautstark, jetzt müsse die Nationalhymne gespielt werden. Daraufhin kam es zu Tumulten, die sich erst legten, als die Studenten das Lokal lärmend und protestierend verliessen. Über die Presse liessen sie am nächsten Tag verlauten, sie wollten das Casino bis zum Semesterende boykottieren. Durchgehalten haben sie das allerdings nicht.

4. Der Beginn der Make-Up- Tutorials?

1938 gaben die Kronleuchter im Burgerratssaal Anlass zu Reklamationen. «Heute wird speziell von den Damen eine möglichst indirekte Beleuchtung verlangt, welche die künstliche Bemalung von Haut, Lippen, etc. als möglichst natürlich erscheinen lässt. Die bestehende Beleuchtung macht aus den Gesichtern ‹Fratzen›, was den Damen natürlich höchst unangenehm ist.»

5. Liebe Mobiliar, …

Ein besonderes Malheur passierte einer Violinistin am 6. März 1945. «Nach Schluss des Abonnementskonzertes stürzte Frau Lauterburg-Schneider, die im Orchester als Verstärkung mitspielte, die Treppe vom Podium nach dem Seitengang hinunter und fiel von dem Schock in Ohmacht. Sie selbst erholte sich ziemlich bald wieder von dem Unfall. Dagegen fiel sie mit ihrem Körper auf ihre Gagliano-Geige von 1769 im Wert von 14’000, welche stark beschädigt wurde.» Es folgte ein Rechtsstreit über die Frage, ob die Treppe den Sturz ausgelöst habe. Er endete mit einem Vergleich zwischen der Violinistin und der Versicherung.

6. Immer diese verdammten Trends!

Besorgt betrachteten die Casino-Wirte 1956 das Aufkommen von «kleineren, alkoholfreien Restaurants und Tea Rooms, die in der Hauptsache von der jüngeren Generation stark frequentiert werden. Das darin Gebotene an Getränken und Speisen ist billiger, leichter und bekömmlicher, als die bisher gängige Küche.» Die Schuldigen an dem Trend waren schnell gefunden. Vor allem Ärzte, hiess es, betrieben «Propaganda» für einen gesünderen Lebensstil – und bei den Damen sei aktuell leider eine schlanke Linie gefragt.

7. Als man Mitarbeitende noch als Psychopathen bezeichnete

Während der Boom-Jahre der Nachkriegszeit war es immer wieder schwierig, geeignetes Personal zu finden. «Man ist auf das angewiesen, das sich meldet, und dies ist leider meistens alles andere, als was benötigt wird.» Was das bedeuten konnte, zeigt die Episode von 1969. Damals starb der langjährige Betriebsmechaniker Hans Tellenbach 61-jährig an Leukämie. «Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger war äusserst schwierig». Zehn Inserate hatte das Casino in verschiedenen Zeitungen geschaltet – worauf sich gerade mal zwei Bewerber meldeten. «Der neu eingestellte Mechaniker trat seinen Dienst im Casino am 20. Oktober an. Leider stellte sich alsbald heraus, dass der gute Eindruck, den er bei seiner Vorstellung gemacht hatte, ein falsches Bild von ihm gab. Er erwies sich als Psychopath und das Arbeitsverhältnis musste kurzfristig wieder aufgelöst werden.»

8. Lecks im Rohr und Löcher in den Finanzen

1975 stiegen die Kosten für den Wasserverbrauch von 25‘000 auf 40‘000 Franken. Offenbar machte sich niemand Gedanken dazu, denn der Grund wurde erst sieben Jahre später per Zufall entdeckt. Handwerker, die einen Ablauf entstopften, bemerkten, dass frisches Wasser aus einer Leitung direkt ins Abwasser floss – was sich leicht beheben liess. Danach sanken nicht nur die Wasserkosten auf den alten Pegel auch der Verbrauch in Litern reduzierte sich auf weniger als die Hälfte.

 

Dieser Text über Perlen aus hundert Jahren Casino-Geschäftsberichte erschien erstmals am 10.12.2017 in der BZ Berner Zeitung. Autor: Benedikt Meyer. Er ist Historiker und mag nicht nur die Akustik des Konzertsaals, sondern auch die Geräuschkulisse der Gartenterrasse an lauen Sommerabenden. www.benediktmeyer.ch