Gesucht: Orchesterdirigent ohne Taktgefühl

Gute Nachrichten für alle, die nach dem Blockflöten-Unterricht das Handtuch geschmissen haben: Es geht auch ohne jahrelanges Üben und ohne Taktgefühl. Zwei Dutzend Musiker*innen aus allen Sparten jammten auf der Grossbaustelle des Casino Berns. Herausgekommen ist der «Casino Remix», eine webbasierte App, auf der kreuz und quer gesampelt werden kann – mit Dir als neue(r) Stardirigent*in.

Auf der Webseite www.casinoremix.ch kannst du ohne Anmeldung und ohne Vorwissen eine Schlagzeug-Sequenz abspielen, einen Bass beimischen und eine Gitarre hinzufügen. Ein Tap genügt zum Ein- und Ausschalten. Oder doch noch den zweiten Loop deines Lieblingskünstlers scharf schalten? Mit einem Swipe nach rechts fängt der Loop haargenau an. Drückt man den roten Aufnahmeknopf, gilt es ernst: nun werden maximal 60 Sekunden von deinem Mix aufgenommen, live! Du kannst während des Aufnehmens zum Beispiel noch Geige, Piano oder Pauke hinzufügen. Oder die Trompete und den Bass pausieren.

Wenn du fertig bist, generiert der Remixer automatisch ein Musikvideo – basierend auf deinen gewählten Künstler*innen und Abspielsequenzen. Du kannst es speichern, verschicken und deine Freund*innen zu einem Remix-Battle herausfordern.

Leduc mitten in der Aufnahme seiner zwei Samples
Leduc, mitten in der Aufnahme seiner zwei Samples für den Casino Remixer

Der Remix als Vorbote, was im Casino nach der Neueröffnung geplant ist

Da das Casino für mehr als zwei Jahre geschlossen wird (ein Jahr ist bereits vergangen), können keine Konzerte durchgeführt werden. «Das wollten wir so nicht akzeptieren und haben ein eigenes Orchester aufgeboten. «Es ist in gewisser Weise das grösste und längste Konzert der Geschichte Berns» freut sich Nik Leuenberger, Verantwortlicher für die Programmation und Initiant des Projektes. Er fügt an: «Die Webseite Casino Remix zeigt auch, was wir punkto Musikkultur vorhaben». Wenn man sich durch die App klickt und die Vielfalt der Musiker*innen sieht, merkt man, dass hier nicht bloss Grosses, sondern Grossartiges geplant ist.

Links: Tanya Gavrancic, Produktionsleiterin. Rechts: Nik Leuenberger, Leiter Kultur im Casino
Links: Tanya Gavrancic, Produktionsleiterin und am Set verantwortlich für die gute Laune. Rechts: Nik Leuenberger, Leiter Kultur im Casino und Initiant vom Casino Remix.

27 Musiker*innen mit je zwei Loops – eine unendliche Anzahl von Remixes sind möglich

Hitparadenkünstler*innen wie Lo&Leduc, Steff la Cheffe und Manillio beatboxen, klatschen und rappen. Newcomer und Szenenstars wie Monumental Men, Eclecta, Pablo Nouvelle und Jessiquoi bereichern mit ihren Beats und Sounds. Aber auch Musiker mit Kultcharakter (und etwas tieferen Jahrgängen) wie der furchteinflössende Reverend Beat-Man, Everybody’s Darling Philipp Fankhauser und Endo Anaconda sind vertreten.

Verspielt wird es, wenn Jazzstars ihre musikalische Würze beimischen: zum Beispiel Andreas Schaerer mit seinem extrem gefeilten Mundwerk, Daniel Woodtli an der Trompete oder Florian Favre am Rhodes. Und richtig spannend wird es dann, wenn man in der intuitiv gestalteten App noch Musiker*innen des Berner Symphonieorchester zu seinem persönlichen Song beimischt: zum Beispiel Vincente & Justin (Blechbläser), Mihaela Despa (Percussion), Fiona Kraege (Violine) oder sogar den Maestro in persona, Mario Venzago. Insgesamt sind 27 Musiker*innen vertreten.

Simon Baumann legt auf dem kaputten Parkett den soliden Boden des Remix-Tools
Der Drummer Simon Baumann legt auf dem staubigen Parkett des Burgerratssaals den soliden Boden des Remix-Tools

Werden diese Künstler dann auch zusammen im Casino auftreten? «Mit vielen laufen schon länger Gespräche für Auftritte oder sogar regelmässige Serien und Veranstaltungsformate. Ob sie allerdings gemeinsam auf der Bühne stehen bezweifle ich» erklärt Leuenberger. Doch eigentlich würde das Line-Up ganz gut für die Eröffnung im Spätherbst 2019 passen. Platz hätte es in den Sälen des Casinos jedenfalls genug für so viele Musiker*innen.

Lukas Iselin, Produzent und musikalischer Leiter des Casino Remix
Lukas Iselin, Produzent und musikalischer Leiter des Casino Remix

Eine Spielerei? Ja, und…

Der Casino Remixer dient laut Nik Leuenberger als Spielerei für die Fans des Casinos und solche, die es hoffentlich bald werden. Zudem gibt er einen Einblick, wie das musikalische Profil der Eigenveranstaltungen aussehen wird (die Konzerte des Berner Symphonie Orchesters machen allerdings nach wie vor einen grossen Teil des Programms aus, gelten aber als Fremdveranstaltungen). Das Haus strebt also insgesamt eine künstlerische Öffnung an, die ein Angebot garantiert, das für eine Ausstrahlung weit über die Stadtgrenzen hinaus sorgt.

Fabian Steiner, Kamera und Produzent der Videoclips
Fabian Steiner, Kamera und Produzent der Videoclips

Neue Formate nach der Wiedereröffnung

Zwei dieser neuen Formate sind bereits heute spruchreif. Unter dem Label «The Casino Tapes» werden dreitägige Aufnahme-Sessions im Burgerratsaal stattfinden, bei denen zwei unterschiedliche Künstler oder Formationen miteinander eine Konzertaufnahme erarbeiten. Die Sessions werden live und unter Beisein des Publikums auf ein Tape aufgenommen. Dabei tritt das gesamte Casino als Gastgeber auf; die Musiker verbringen drei Tage im Haus, sie zelebrieren gemeinsames Essen und der Ort soll zur Geltung kommen. Der Berner Schlagzeuger Simon Baumann kuratiert dieses Format.

Das zweite Format wird unter dem Label «Cocktail für die Musen» stehen. Viermal pro Jahr bringt die kommunikativ mitreissende Gwendolyn Masin klassische Musik mit einem anderen Genre zusammen. Da werden Musikgeschichte vermittelt, erstaunliche Zusammenhänge erläutert und es wird natürlich musiziert. Hochkarätige Künstler gestalten jeweils einen einmaligen Konzertabend der überraschend, lehrreich und unterhaltend zugleich ist. Wie bei einem guten Cocktail werden edle Zutaten zu einem sinnlichen Erlebnis gemixt.

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Du willst nun selber mixen? Das kannst du hier tun!