Ein Mittelalter – Archäologe über Urban Gardening

Der grosse Aushub an der Ostseite des Casino ist fertig. Armand Baeriswyl macht einen Kontrollgang auf der Baustelle. Er ist der Kantonsarchäologe. Die langweilige Nachricht vorweg: Das Casino ist weder Pompeij, noch Gizeh. Die spannende: schauen Sie das Videoporträt.

Er ist auf Zack und strahlt Leidenschaft für seinen Beruf aus wie die Sonne höchstpersönlich. Armand Baeriswyl leitet für den Kanton Bern das Ressort Mittelalterarchäologie, Bauforschung, Ruinen und archäologische Stätten. Er war es, der die Debatte um die Gründungszeit der Stadt Bern beendete («Vor 1191 war auf der Aarehalbinsel gar nichts los.») und nun beim Umbau des Casinos zum rechten sieht. Allerdings reduzierte er die kantonale Kontrolle auf ein Minimum. Die Bauleitung selber wurde bei einem allfälligen Mauer- oder Knochenfund in die Meldeverantwortung genommen. «Wie vermutet: bei den wenigen bauseitigen Aushüben kam nichts zu Tage». Das hat damit zu tun, dass schon vieles im und ums Casino beim ursprünglichen Bau und bei Umbauten zerstört wurde. Zudem verläuft beim Aushub der alte Ehgraben, der im Tagbau erstellt und somit vieles offen gelegt wurde. (Das grosse Loch an der Ostseite muss unter anderem für Lieferanteneingänge der Küche gegraben werden.)

Der Aushub an der Ostseite bringt nichts zu Tage, was einen Kantonsarchäologen aus dem Häuschen bringen würde.

Dokumentieren und entsorgen

Archäologie ist selten ein Abenteuer, wie wir es popkulturell von Indiana Jones kennen. «Unsere Disziplin ist eine Methode, um Erkenntnisse zur Vergangenheit zu gewinnen, dahinter steht mühselige Kleinarbeit und vorallem viel kulturgeschichtliches Wissen» erklärt der gebürtige Bieler.

Nach wie vor werden bei Umbauten und Renovationen wertvolle Zeitzeugnisse zerstört, die uns Aufschluss auf unsere eigene Geschichte geben würden. Es ist aber falsch, anzunehmen, dass Archäologen vor Ort all diese Zeugnisse erhalten wollen. «Dinge, die man mitnehmen und lagern kann, werden tatsächlich archiviert, Scherben, Knochen, zum Beispiel.» Häuserreste oder Turmfundamente werden hingegen dokumentiert: von den materiellen Quellen wird eine Kopie erstellt – in Schrift, Zeichnungen, Fotos. Archäologie ist sozusagen ein Entsorgungsbusiness. Es gibt Ausnahmen: Jede Bernerin und jeder Berner kennt die Reste des Christoffelturms im Bahnhof, doch «das ist einer von 1000 Fällen, bei dem man um den Fund drum herum bauen kann».

Armand Baeriswyl auf einer Führung durch das Casino.

Pro Jahr über 300 Grabungen

Wichtig bei Bauprojekten, bei denen man Funde vermutet, ist die gute Kommunikation zwischen den Architekten und Bauherren und dem Archäologischen Dienst . Redet man frühzeitig miteinander, so können Zeit und Ressourcen auf beiden Seiten geschont werden. Denn auch Baeriswyl und sein Team brauchen Planungssicherheit. «Pro Jahr finden rund 300 Grabungen im ganzen Kanton statt, das ist eine logistische Schwerstaufgabe» führt Baeriswyl aus. Für den Casino-Umbau war man bereits vor zwei Jahren in Kontakt. Die gemeinsamen Sitzungen ergaben schnell, dass die Bauleitung selber informieren wird, wenn ein Fund auftaucht.

Armand Baeriswyl interessiert sich nicht nur für das Alte, sondern auch dafür, was im Casino nun alles neu entsteht.

Was heutige Städteplaner vom Mittelalter lernen können – und das Urban Gardening kein Trend ist, sondern eine lange Geschichte hat

Natürlich denkt man bei Archäologen schnell mal an Menschen, die sich mehr für Steine interessieren als für die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen. Doch während dem Interview schweift Baeriswyls Blick auf die Aaregärten unter der Casino Terrasse und prompt weist er auf das frühe Konzept Urban Gardening hin. Damals ging es nicht um das hübsche Gärtli mit Liegestuhl, sondern um Ertrag und Einkommen. So könnten sich Zukunftsforscher und Urbanisten generell etwas mehr im Spätmittelalter vertiefen. Konzepte wie Verdichtung, soziale Durchmischung und Energieeffizienz haben da bereits die erste Blütezeit.