Bausünden und falscher Marmor

Das Casino flunkert. Äusserlich tut es so, als sei es ein Sandsteingebäude. Innerlich ist es einer der ersten Betonbauten der Stadt. «So tun als ob» kann man das nennen. Oder passender: «Showbusiness!». Für Markus Tschantré, Mitglied der Casino-Kommission, macht das durchaus Sinn: Nach aussen zählte die Optik, dahinter waren Statik und Kosten wichtiger. In den «Marmorsäulen» verbergen sich deshalb gemauerte Backsteinstützen und was aussieht wie teurer Stein ist eigentlich gespachtelter Kalk.

Die Architekten hatten keine leichte Aufgabe. Das Casino musste viel Platz bieten, durfte aber auf keinen Fall zu wuchtig aussehen. Denn in der Silhouette der Stadt musste es einen Übergang zwischen der stark fragmentierten unteren Altstadt und den Monumentalbauten rund ums Bundeshaus schaffen. Paul Lindt und Max Hofmann entschieden sich für ein Gebäude mit imposantem Dach. Die Distanz zwischen unterstem und oberstem Ziegel beträgt mehr als die Hälfte der Gebäudehöhe. Das gibt es sonst eigentlich nur bei Schlössern – und Berner Bauernhäusern. Um eine gute «Fernwirkung» zu erzielen, hielten die Architekten die Südfassade bewusst einfach. Opulent geschmückt wurde nur die Westseite, die öfter von Nahem betrachtet wird. Und wie schon beim alten Casino platzierten die Konstrukteure das Restaurant im Parterre und den Konzertsaal in der Bel Etage.

Westansicht des Casino 1909
Plan der West-Fassade des Casinos. Der Kopf unter dem Giebel stellt Apollo dar, den Gott der Künste. Quelle: Burgerbibliothek Bern FN.G.E.700

 

Die Arbeiten begannen 1905 mit dem Abbruch der alten Hochschule. Dann wurde eine knapp 20 Meter hohe Stützmauer errichtet, die das Gelände vergrösserte und so Raum für die Gartenterrasse schuf. Anschliessend hoben die Bauarbeiter die Grube aus, legten Fundamente und erstellten den Rohbau. Es folgten der Innenausbau, dann Bildhauer- und Möblierungsarbeiten. Dabei standen die Architekten vor einem Dilemma: einerseits musste das Gebäude festlich wirken, andererseits sollte es auch für «einfache Leute» einladend daherkommen. Lindt und Hofmann hielten sich bei Schnörkeln und Zierden zurück und setzten dafür auf schönes Material. Die Wände des Restaurants beispielsweise erhielten eine simple Holztäfelung – dafür eine aus Kirschbaum. Auf die ursprünglich geplanten Jugendstilmalereien verzichteten die Architekten ganz – sie waren inzwischen einfach nicht mehr in Mode.

Die Eröffnungsfeiern für das neue Casino fanden ab dem 27. April 1909 statt – und zwar an vier verschiedenen Tagen. Es gab Konzerte, Ansprachen, Bankette und staunende Blicke. Wie modern das Gebäude war, zeigte sich beispielsweise daran, dass es komplett elektrisch beleuchtet wurde. Der Rauch aus Küche und Heizung wurde unterirdisch abgeleitet und die Klappen und Ventile für Heizung und Frischluft konnten von einem zentralen Raum gesteuert werden. Für einige Genugtuung sorgte ausserdem, dass die Baukosten um 2.5 Prozent unter dem Budget blieben.

 

Die Einladung 1909 für die Eröffnung des neuen Casinos
Einladungskarte zur Eröffnung. Quelle: Burgerbibliothek Bern, Signatur VA Casino 143

 

Eine Postkarte von der schönsten Terrasse Berns
Werbepostkarte fürs Casino-Restaurant. Um 1909. Quelle: Burgerbibliothek N Agathon Aerni AK.3035

Die Renovationen begannen schon ein Jahr nach der Eröffnung. Zu trockene Luft setzte der Orgel zu und im Lauf der Jahrzehnte wurden die Räume im Parterre immer stärker aufgeteilt. Die Wirte versuchten gesellschaftlichen und gastronomischen Trends zu folgen und so gesellten sich zu Café und Restaurant bald Veltlinerstube, Bierquelle, Tavelstube, Forellenstube, Lunchraum, Imbiss- und Erfrischungsräume. Auch Heizungs- und Lüftungssysteme wurden bald unübersichtlich, zuletzt liefen verschiedenste Anlagen parallel. Dieses Durcheinander wird mit dem aktuellen Umbau beendet – so ersetzen beispielsweise 14 neue Lüftungsaggregate 53 alte, wie Markus Tschantré weiss. Er selber legte als Architekt vor Jahrzehnten Hand am Haus an und kennt noch etliche nötige Massnahmen von früher, die heute eher als Bausünden gelten.

Glücklicherweise praktisch unverändert blieben indes die prächtigsten Räume im Casino: der Burgerratssaal und der grosse Konzertsaal mit seinen Resonanzräume. Diese Resonanzräume befinden sich hinter von Ornamenten kaschierten Gittern, gut sichtbar über der Decke des Konzertsaals. Das Deckengewölbe besteht bloss aus einer dünnen, armierten Gips- und Betonschicht die an Armierungseisen am Dachstuhl aufgehängt ist – ein Umstand, der die besten Musiker und Dirigenten der Welt schon zum schwärmen brachte. Auch der Boden des grossen Saals schwang bei Konzerten erst leicht mit. Dann aber gab es in den 1930er- und 1940er-Jahren immer öfter Probleme mit den darunter liegenden Räumen und später dem Dancing. Denn während oben immer lautere Klassikstücke in Mode kamen, wurde unten zu immer wilderem Jazz getanzt. Beides war durch den Boden hörbar. Schliesslich wurde 1958 eine zusätzliche Betondecke eingebaut.

 

Der Stolz des Casinos: der grosse Konzertsaal
Blick in den Grossen Konzertsaal – die Kronleuchter wurden später ersetzt. Quelle: Burgerbibliothek Bern, FN.G.E.235

 

Ein akustisches Meisterwerk: der grosse Saal im Casino
Die Decke des Grossen Konzertsaals. Hinter den Gittern befindet sich der Dachstock. Quelle: Burgerbibliothek Bern FN.G.E.122

 

Der wohl grösste Eingriff erfolgte jedoch 1940/41 – unter dem Casino. Nach Auflagen des Bundes wurde ein Luftschutzkeller für 350 Personen errichtet (der zur Not gar für 500 Personen reichen sollte). Dort im Untergrund liegt Gerüchten zufolge auch ein geheimnisvoller Gang, der vom Casino zur Aare führt.

Aber wir wollen hier keine Gerüchte nähren: Der Gang existiert tatsächlich und ist wohl schon älter als das Casino selbst. In alten Dokumenten wird er als «Quellengang» bezeichnet, er dürfte also zur Fassung einer Quelle angelegt worden sein.

Ein Zugang befindet sich heute im Keller des Casinos, ein zweiter im Keller der Burgerbibliothek und der dritte Zugang am unteren Ende des Serpentinenwegleins, das von der Kirchenfeldbrücke in die Matte führt. Ob er früher einmal als Fluchtweg gedient hat, ist unklar. Sicher ist allerdings, dass er 1980 dazu benutzt wurde, den Stardirigenten Herbert von Karajan aus dem Casino herauszuschmuggeln, wie Markus Tschantré vom damaligen Hauswart Christian Eggen mehrmals – und immer mit ein wenig Aufregung – geschildert bekam. Aber mehr dazu in der folgenden Casino Episode.

 

Der untere Eingang zum „Geheimgang“ – und zum Luftschutzkeller unter dem Casino. Bildquelle: Benedikt Meyer

 

 

Das Casino und das Ende des «Geheimgangs» – unten rechts im Bild, eingerahmt von zwei grossen Sprayereien. Bildquelle: Benedikt Meyer

 

Dieser Text über die Entstehung des neuen Casinos erschien erstmals am 26.11.2017 in der BZ Berner Zeitung. Autor: Benedikt Meyer. Er ist Historiker und mag nicht nur die Akustik des Konzertsaals, sondern auch die Geräuschkulisse der Gartenterrasse an lauen Sommerabenden. www.benediktmeyer.ch