Wie die Gastroküche des Casinos in Lesotho landete

Ende Juli 2017 besuchten tausende Berner*innen das Casino ein letztes Mal, mit dem Ziel, auf dem Flohmarkt ein kleines Souvenir zu ergattern. Werner Morf aus Dübendorf hingegen suchte nach etwas Grossem: einer Gastroküche für Mount Tabor in Lesotho.

Die Casino Küche wird auf Mount Tabor ausgeladen
Die alte Casino Küche erhält 9000km weiter südlich ein neues Leben

 

Vor dem Sanierungsbeginn musste das Casino massenhaft überflüssiges, aber gut erhaltenes Inventar aus Gastronomie und Konzertsälen loswerden. Die vielen Artikel fielen aber nicht der Entsorgung zum Opfer, sondern wurden mit useagain.ch als Secondhand-Artikel zum Verkauf angeboten und wieder in Umlauf gebracht. Hier sieht man, wo einige Stücke gelandet sind. 14’000 Artikel wurden am Flohmarkt des Casinos und auf useagain.ch verkauft. Einer davon, die Gastroküche, machte das Ehepaar Morf aus Dübendorf hoffnungsvoll.

Wer beim ersten Mal aufhört, wird nichts erreichen

Über Umwegen hörten die ehemaligen Missionare Helene und Werner Morf von der Schweizerische Pfingstmission (SMP) von der Räumung in Bern. Es schien sich ein Fenster aufzutun, um endlich die Küche der grossen Mehrzweckhalle in der Mount Tabor Mission, Lesotho, fertigzustellen. Der erste Versuch vor zwei Jahren, von einem grossen Basler Unternehmen eine Gastroküche nach Lesotho zu verschiffen, scheiterte an den finanziellen Vorstellungen und vor allem an den unberechenbaren Zollbehörden des südafrikanischen Kleinstaates.

Werner Morf reiste aus Zürich zur Eröffnung des Flohmarktes, an einem Samstag, nach Bern an. Er war etwa gar früh da, nur ein Dutzend Menschen warteten vor den Türen des Casinos. Doch bei der Türöffnung um zehn Uhr waren es hunderte von Berner*innen, die ungeduldig darauf warteten, ein cooles Souvenir oder etwas Nützliches für den eigenen Haushalt zu ergattern. Die Konkurrenz stieg, Morfs Hoffnung sank.

«Wie zweimal Weihnachten»

Doch Stephan Horisberger, Leiter des Technischen Dienst im Casino, kam mit dem ehemaligen Pastor ins Gespräch und zeigte ihm im Untergeschoss, fernab des Trubels der oberen Stockwerke, die grosse Küche. Das Casino und die Burgergemeinde hatten beschlossen, nicht benötigtes Grossinventar für karitative Zwecke gratis abzugeben. «Es ist wie zweimal Weihnachten» erzählt Morf. Was in der Schweiz jahrzehntelang gute Dienste leistete, konnte nun bald seinen letzten und vielleicht besten Dienst 9000km entfernt tun.

Dann ging es ruckzuck: Morf nahm Mass und schickte bereits am nächsten Montag Helfer einer befreundeten Organisation, der AVC Schweiz, mit Lastwagen und Anhänger nach Bern. Sie verluden die Casino Küche, aber auch Tische, Teller, Servierwagen und Besteck. Und: Morf musste die Kommunikation mit den Zollbehörden intensivieren und wieder viel hoffen, auf Goodwill, oder «God’s will», wie Morf sagen würde. Und siehe da: Zwei Tage vor Eintreffen des Containers kam die Zollbefreiung durch die Behörden.

 

Die Mehrzweckhalle auf Mount Tabor
Die Mehrzweckhalle auf Mount Tabor

Seit 44 Jahren zwischen Afrika und der Schweiz

Die Reise der Küche sollte sechs Wochen dauern. Zeit, um den Rohbau auf der Mission für die Geräte, Ablagen und Armaturen aus Bern vorzubereiten. Das Ehepaar Morf reiste also nach Mount Tabor im Distrikt Mafeteng. Zum zigsten Mal nahmen sie den langen Weg auf sich.

1974 war ihre erste Ausreise als SPM-Missionare, Werner als Schreiner für den Unterhalt der Missionsstation und Helene als Medizinische Praxis Assistentin half in der Krankenstation mit. In drei Einsätzen lebten sie dort 11 Jahre und zogen ihre drei Kinder gross. Ihre Arbeit für die Schweizerische Pfingstmission führte sie auch nach der Heimkehr 1994 mehrmals zurück ins Königreich Lesotho.

 

Helene und Werner Morf
Helene und Werner Morf

 

Die Mount Tabor Mission

Die Mount Tabor Mission wurde 1917 von einem Schottischen Missionar gegründet und nach seinem Tod 1920 übernahm 1921 die Schweizerischen Pfingstmission die Verantwortung. Sie ist bis heute auf 50 Gebäude angewachsen – inklusive der neuen Mehrzweckhalle mit der bis vor kurzem noch unfertigen Küche. Die Leitung hat seit der Übergabe 1994 die AGL (Assemblies of God Lesotho). Sie besteht aus 99 Kirchgemeinden im ganzen Land.

Auf Mount Tabor leben rund 1000 Basothos, davon 550 Internats-Schüler im Alter von 14-22 Jahren, die hier die Mittelschule bis zur Matur absolvieren. 96 Angestellte werden auf der Mission entlöhnt, nur noch 6 Saläre werden aus der Schweiz bezahlt.

 

Shelter Mount Tabor auf 1650 M.ü.M.
Shelter Mount Tabor auf 1650 M.ü.M.

 

Ein wichtiges Projekt der Mission sind die Shelters of Hope: Tagesstätten für Waisenkinder im Vorschulalter. Sie sind bitter nötig, denn wie andere südafrikanische Länder leidet Lesotho stark unter der hohen Zahl von AIDS-Toten. Viele Kinder haben weder Vater noch Mutter – in keinem Land der Welt gibt es mehr Waisen per capita als im kleinen Königreich Lesotho.

 

Die Waisen erhalten täglich Mahlzeiten, Betreuung und später auch eine Schuluniform
Die Waisen erhalten täglich Mahlzeiten, Betreuung und später auch eine Schuluniform

 

Ostermahl für 1500 Menschen aus der Casinoküche

Eine Woche nach der Anlieferung der Küche im Container kommen Freunde von Morfs auf der Mission an: Andreas und Friedlinde Röthlisberger. Sie helfen, die Küche fachgerecht aufzustellen. Leitungen und Plättli werden verlegt. Es zahlt sich nun aus, dass Morf noch im Keller des Casino genauste Masse der Sockel, Geräte und Platzierung der Wasserhähnen genommen hat.

 

Fliesen und Sockel müssen zuerst gemacht werden.
Fliesen und Sockel müssen zuerst gemacht werden.

 

Die Casino Küche auf Mount Tabor – April 2018
Die Casino Küche auf Mount Tabor – April 2018

 Die Mehrzweckhalle an sich wurde zwar bereits eingeweiht, doch am Osterwochenende 2018 konnte nun endlich, zwei Jahre nach dem Bau, auch die Grossküche für Konferenzen, Hochzeiten, Beerdigungen und andere Veranstaltungen eingeweiht werden. 1500 Personen nahmen an der Osterkonferenz teil. Klar, sie kamen nicht wegen der Küche, aber vielleicht verweilten sie etwas länger wegen dem guten Essen, wer weiss… Jedenfalls: «Die Menschen hatten meeeega Freude» erzählt Werner Morf.

Bis auf den Abzug über dem Kochherd sind alle Geräte vom Casino. Es passt alles so gut, als wären die Geräte für die Küche konzipiert gewesen – oder eben die Küche für die Geräte.

 

Zum ersten Mal im Einsatz
Zum ersten Mal im Einsatz