Der Architekt der Architekten

Claudio Campanile macht als Architekt und Generalplaner zusammen mit seinem Büropartner Angelo Michetti das Casino fürs laufende Jahrhundert fit. Warum er lieber sucht als findet und warum das Casino zurück in die Zukunft muss, erzählt er im Gespräch.

 

«Die beiden sind in meinem Büro, wenn ich den Blick schweifen lasse. Dann sehe ich sie und weiss, was ich hier tue», erklärt Claudio Campanile. Er zeigt auf zwei Reliefs der Erbauer des Casinos von 1907-1909, Paul Lindt und Max Hofmann. Campanile ist zusammen mit seinem Büropartner Angelo Michetti als Architekt und Generalplaner für den Grossumbau des Casinos verantwortlich. Campanile sieht sich auch als eine Art Vertreter der Architekten, die 1909 das Casino am heutigen Standort fertig stellten. Er ist also quasi der «Architekt der Architekten». Sowieso redet Campanile während dem Gespräch  oft vom Genius Loci, dem Geist des Ortes, den es zu erfassen gilt. Damit meint er, dass es wichtig ist, zu begreifen, dass man nie genug wissen kann. Das heisst, dass man sich auf die Suche nach Referenzen begeben soll, um auf dem Bestehenden, dem «Gültigen» aufzubauen.

 

Der Architekt Campanile studiert in seinem Büro Pläne des Casinos
Campanile studiert in seinem Büro Pläne des Casinos

 

«Zurück in die Zukunft» ist folglich der Grundgedanke für den Umbau, auch wenn «das ein wenig reisserisch tönt.» Das Bauwerk ist für Berner Verhältnisse nicht sehr alt. So fand Campanile von der Bauphase 1907-1909 nicht nur viele Pläne und Fotos in der Burgerbibliothek Bern und anderen Archiven. Er fang sogar Auftragsbescheinigungen an die damaligen Handwerker. 2014 erfolgte der Zuschlag in einem Wettbewerbsverfahren, weil das Büro CampanileMichetti die Jury überzeugte: es bezog sich auf die ursprünglichen Pläne und «wir stipulierten von Anfang, dass es den Willen aller Beteiligten braucht, um eine massgeschneiderte Lösung für dieses grosse Unterfangen zu finden.»

 

Zum Glück der Architekten fanden sich viele Dokumente vom Originalbau des Casinos
Viele Fotos, Pläne und sogar Auftragsbestätigungen von Handwerker fand Campanile und sein Team vom Neubau 1906-1909

 

Zurück in die Zukunft gebaut

Die Renovation ist eigentlich eine Art Rückbau. Campanile versucht, ungültige Eingriffe der letzten 100 Jahre wieder rückgängig zu machen. Falls möglich und sinnvoll, will er den Originalzustand sogar wieder herzustellen. «Wir wollen die Charakterzüge des Anfangs wieder herausschälen» umschreibt er es. Das ist das Zurück des Grundgedanken, in die Zukunft bedeutet schlicht und einfach, dass sich die Nutzungsanforderungen in 100 Jahren stark gewandelt haben. Diesen Anforderungen muss Rechnung getragen werden. Klar ist auch, dass dieses historische Gebäude nicht für die nächsten 100 Jahre umgebaut werden kann, sicher wird mittelfristig wieder eingegriffen werden müssen. Allerdings – und deshalb spricht man in der Burgergemeinde auch vom Jahrhundertumbau – wird dies kaum wieder in einem dermassen ganzheitlichen Stile geschehen.

Das Gebäude hat bis heute seine Gültigkeit bewahrt, so wie es ursprünglich geplant war, als Bau und in der Nutzung. «Es ist ein festliches Haus, ein Begegnungsort», hält Campanile fest. Und dies wird es auch in Zukunft sein.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen
Vor dem Festen liegt noch viel Arbeit…

 

Ein Zwitterbau mit Ausrichtungsschwierigkeiten

«Es ist eine Art Zwitterbau, es hat eine spätbarocke Ausstattung und Prinzipien, war aber zeitgenössisch in der Bauweise.» Für diese Zeit ist der Eisenbetonskelettbau fortschrittlich gewesen. Auch die neuartige Elektrifizierung fand euphorischen Einzug ins Casino. Endlich konnte man Licht von oben nach unten hängen lassen.

 

Der Berner Architekt mit italienischen Wurzeln freut sich auf die Neueröffnung: «Es wird wieder ein festliches Haus, ein Begegnungsort.»

 

Man habe dem Gebäude im Laufe der Zeit vielleicht deswegen auch ein wenig Wert aberkannt, weil der Klassizismus nicht mehr in Mode war. Campanile weist an einem Modell im Masstab 1:100 in seinem Büro auch auf die Ausrichtungsschwierigkeiten des Gebäudes hin. «Der Kopf des Casinos ist gegen den Casinoplatz und gegen das Bundeshaus ausgerichtet. Es wäre im Prinzip die Hauptfassade.» Die südliche Längsfassade mit der Gebäudebeschriftung, der Kanzel und den Bäumen ist wegen ihrer Fernwirkung aber ebenso präsent in den Köpfen der Bernerinnen und Berner. Und: Der Haupteingang für die Hauptattraktion, den grossen Saal, befindet sich an der Herrengasse. Das Umbauprojekt versucht diese vielseitige Orientierung zu konsolidieren – das Entrée am Casinoplatz soll wieder auf seine ursprüngliche Grosszügigkeit zurückgeführt werden, von da aus sollen die Gäste in die verschiedenen Bereiche des Hauses geführt werden.

Auch symbolisch wird das Haus mehr an den Platz geführt: Die Postadresse lautet seit diesem Frühling nicht mehr Herrengasse 25, sondern Casinoplatz 1.

 

Der Architekt Campanile auf der West-Terrasse des Casinos
Der Architekt Campanile erklärt auf der West-Terrasse des Casinos die geografische Lage des Casinos in der Altstadt

 

«Moderner als die Berner Altstadt kann man kaum sein»

Campanile ist ein Kenner der Berner Altstadt. In seiner Karriere hat er bereits etliche Umgestaltungsprojekte in der Altstadt geleitet. «Es ist eine Tugend von Bern, dass man früh dermassen Sorge zur Stadt getragen hat», freut er sich. In den 1950er Jahren fand auf dem Münsterplatz eine grosse Protestaktion statt. Es ging dabei um den Abriss der Ischi-Häuser in der unteren Altstadt. Die Baubewilligung war erteilt, die Bevölkerung aber empört. Schliesslich schritt die Burgergemeinde Bern ein und unterbreitete Walter Ischi, dem Besitzer, ein Kaufangebot der Häuser, um diese zu sanieren und das Stadtbild zu erhalten.

«Moderner als die Berner Altstadt kann man kaum sein», kehrt Campanile den Lauf der Zeit um. Die heutige raumplanerische Forderung Nummer eins ist die Verdichtung. Es gibt in der Umgebung keine vergleichbare Bebauungsweise. Weder alte noch neue Quartiere werden dermassen dicht genutzt wie das Innere der Aareschlaufe. Man geht gerne in die Altstadt, «nur sollte man aufpassen, dass alle noch gerne in die Altstadt gehen können». Damit weist Campanile auf die Verteuerung des dichten Lebensraumes hin.

 

Der Architekt macht einen Spaziergang auf der Münsterterrasse
Campanile ist ein ausgewiesener Kenner der Altstadt – viele Projekte hat er und sein Team schon auf der Aare-Insel umgesetzt.

 

Das Casino-Grau war eigentlich Eierschalenweiss

«Bei all unseren Projekten ist die treibende Kraft nicht das Wissen, sondern das Suchen.» Campanile mag es, Detektiv zu spielen. Obschon er sich nun schon etliche Jahre mit dem Casino beschäftigt, gibt es immer noch viel herauszufinden. Campanile erzählt von der Episode, als er darauf hingewiesen wurde, das Casino auch künftig im traditionellen Casino-Grau zu halten. Er machte sich auf die Suche und fand heraus, dass viele Räume ursprünglich in «einem sehr eleganten, eierschalenweissen Ton» gestrichen wurden. Dann kam ein rötlicher Ton zum Zuge. Erst dann kommt das Casino-Grau. Genauer gesagt handelt es sich um acht verschiedene Grautöne. Dies wurde mithilfe einer Stratigraphie herausgefunden. In welcher Farbe das Casino künftig erscheint, können wir an der Eröffnung im Herbst 2019 herausfinden.

 

Das Casino-Grau ist eigentlich ein gelbliches Eierschalen-Weiss
Das Grau, das eigentlich gelb war – eine spezielle Technik zeigt die insgesamt 9 Anstriche im Laufe der Zeit.