«Alles aus einer Hand» – eine Begehung der Baustelle

Seit fast einem Jahr ist das Casino wegen dem Grossumbau geschlossen. Wie geht es voran? Wie sieht es im Innern zurzeit aus? Eine Baustellenbegehung gab Aufschluss: Die Abbauarbeiten sind fast beendet, es ist staubig und trotzdem geistern bereits ein paar Künstler und Musikerinnen Haus herum. 

Im zweiten Stock des Casino Bern - alles aus einer Hand
Ivo Adam führt durch die Baustelle. Viele News und Überraschungen warten auf die Besuchenden.

Ivo Adam begrüsst Medienvertretende, Anwohnende und Burger*innen für die Baustellenführung mit zwei Neuigkeiten. Erstens: Das Kultur Casino heisst neu Casino Bern. Wobei neu hier nicht das Wort der Wahl ist, sondern wieder. Der Name Kultur Casino war in den letzten Jahrzehnten geläufig, die Beschriftung an der majestätischen Südfassade wurde jedoch nie geändert. Es ist eine von vielen Massnahmen, das geschichtsträchtige Haus ins neue Jahrhundert zu führen, sich aber am letzten zu orientieren. Davon später mehr.

Zweitens: «Wir haben eine neue Adresse, obschon wir ja gar nie umgezogen sind» verkündet Adam stolz. Nicht mehr Herrengasse 25, sondern Casinoplatz 1 lautet ab sofort die Anschrift. Dann nimmt uns Adam und sein Team mit auf eine aussergewöhnliche Baustellenführung.

In Zukunft «Alles aus einer Hand» 

Als die Burgergemeinde Bern Ivo Adam als neuen Geschäftsführer für das Casino in einsetzte, wurde klar, dass der strategische Wechsel zum ganzheitlichen Betrieb die Gastronomie stärker gewichten will. Seit der Eröffnung 1909 vermietete die Casinoverwaltung die Räumlichkeiten für Veranstaltungen. Man sah sich als reinen Vermieter, bot neben Raum, Bestuhlung und Bereitstellung keine weiteren Dienstleistungen. Und schon gar keine Gastromonie. Das Restaurant und die Eventgastronomie wurden jeweils verpachtet.

Alles aus einer Hand als neues Betriebskonzept ist eine Konsequenz der Erfahrung der letzten Jahrzehnte, weiss der ehemalige Burgergemeindepräsident Rolf Dähler (2011-2017). «Die Idee ist nicht neu, aber man fand bis jetzt nicht den Mut, die Restauration selber zu betreiben». Dähler gilt als zentrale Figur, dass die laufende Grossrenovation nicht nur «auf schmalen Feuer» während den konzertfreien Wochen im Sommer stattfindet, sondern als eine komplette konzeptuelle Neubetrachtung. Als Kompromiss ist nun aber eines der prominentesten und beliebtesten Gebäude der Burgergemeinde Bern während zweieinhalb Jahren geschlossen.

Der ehemalige Burgergemeindepräsident Rolf Dähler - Verfechter von "Alles aus einer Hand"
Der ehemalige Burgergemeindepräsident Rolf Dähler (2011-2017) gilt als wichtige Figur, die Gastronomie im Casino selber zu betreiben (alles aus einer Hand)

Doch zurück zum Betriebskonzept: Veranstalter hatten bisher immer mehrere Ansprechpartner. Diese latenten Schnittstellenprobleme zwischen Kultur und Gastronomie, zwischen Verwaltung und Pächter, zwischen Konzerten und Banketten, haben schliesslich zum Umdenken geführt. Daniel Berthoud, Casinoverwalter von 1989 bis 2011, erinnert sich an das Chaos, das zuweilen herrschte. Kämpfe um die Benutzung der wenigen Lifte für Instrumente oder Servierwagen versuchte er in seiner unverkennbaren Art zu schlichten. «Die Personalzimmer im fünften Stock waren damals noch im Betrieb. Es war eng. Ich bin froh für das Casino, dass man dies nun endlich neu aufgleisen kann».

Daniel Berthoud, Casinoverwalter von 1989 bis 2011
Daniel Berthoud, Casinoverwalter von 1989 bis 2011 hat viele Anekdoten auf Lager.

Eine Disco im Burgerratssaal?

Der Parkett im Burgerratssaal ist aufgerissen. Baugeräte stehen neben den Flügeltüren. Das Abendlicht dringt durch die grossen Fenster in den Saal, Staub tanzt in der Luft. Sogar in dieser Verlassenheit strahlt der kleinere der zwei grossen Säle etwas Traumhaftes aus. Als die Gruppe eintritt, sind sie ehrfürchtig still. Ivo Adam erklärt, dass bald ein neuer Tanzparkett verlegt wird. Die Fenster würden komplett isoliert und verdunkelt. Eine riesige Musikanlage würde installiert, weil hier eine grosse Disco geplant sei. Die Gesichter der Anwohnenden werden länger und länger. «Nein, nein, das war bloss ein Witzli. Wir setzen keine Trends, sondern modernisieren bestehende Tradition für weitere 100 Jahre» löst Adam auf. Und Rolf Dähler sinniert im Interview nach der Baustellenbegehung: «Mir gefällt, dass man die neue Grandezza erreichen will, indem man sich an den Anfängen orientiert».

Nicht auf Biegen und Brechen

Diese Anfänge kennt der Architekt Claudio Campanile, zumindest die baulichen. Er weiss, dass das Casino eines der ersten elektrifizierten Gebäude in Bern war. Ganz stolz hängte man damals – eigentlich völlig unpraktisch – im grossen Saal Lampen von den Unterdecken bei den Seiteneingängen. Denn endlich konnte man Lichtquellen gegen unten richten, man musste nicht mehr der physikalischen Eigenheit von Flammen gehorchen, nach oben zu beleuchten.

Architekt Claudio Campanile im Casino Bern
Claudio Campanile erklärt den Besuchenden, was weicht und was bleibt.

Im grossen Saal erklärt Campanile den Gästen weitere Gedanken zu den Eingriffen beim Umbau: Ja, zurück zum Ursprung. Aber nicht auf Biegen und Brechen. Wenn Elemente von früheren Umbauten «architektonisch noch gültig» sind, dann sollen diese ins neu renovierte Casino überführt werden. So nennt Campanile beispielsweise die geflechteten Lüftungsgitter, die erst in den 1960er Jahren verbaut wurden.

Remix als Programm im Casino

Das Gebäude wird also als eine Art klassischer Remix ins laufende Jahrhundert geführt.

Einige solcher klassisch-moderner Interpretationen überraschen auch als kurze Konzerthäppchen auf dem Rundgang. Der Schlagzeuger Julian Sartorius benutzt zuerst den grossen Saal selbst als Instrument (!), danach taucht er mit dem Klangkünstler Tomek Kolczynski im leeren Dachstock wieder auf. Baustellengeräusche aus Lautsprechern dröhnen durch das ganze Haus, werden verzerrt und enden dann in einem gemeinsamen Rhythmus. Dann bespielt Teodora Dimitrova, Violinistin des Berner Symphonie Orchesters, den staubigen Konzertsaal. Zum Schluss präsentiert der Erfinder der Nation, Stefan Heuss, eine irrwitzige Maschine für das Casino, mit der das Konzept «Alles aus einer Hand» effizient umgesetzt werden könne.

Julian Sartorius mit Klangkünstler Tomek Kolczynski im Casino Bern
Der Schlagzeuger Julian Sartorius mit Klangkünstler Tomek Kolczynski im ausgehöhlten Dachstock.

Dieser vielfältige Mix darf als Vorbote verstanden werden, wie Nik Leuenberger (Leiter Kultur Casino) frischen Wind ins Casino bringen will: Als klassischer Remix zwischen Stilrichtungen und kulturellen Epochen, spielend wechselnd zwischen Humor und Ernsthaftigkeit.

Eines der grössten Restaurants der Schweiz

Künftig bietet das Casino quasi eine «Rund-um-die Uhr-Gastronomie». Ivo Adam kommt auf Touren und erzählt begeistert, wie einer der zentralen Umgestaltungsorte aussehen wird. Die Gäste sehen im Moment allerdings nur eine hallenartige Baustelle im Erdgeschoss, wo früher das Restaurant stand. Es hallt, es hat viele Löcher im Boden, nur das Peristyl ist noch knapp zu erkennen. «Das Restaurant war schon früher das Herzstück, jetzt wollen wir ihm wieder mehr Luft geben». Tatsächlich, der ausgehöhlte Raum wirkt gigantisch. Die Ratsstube wird in den Keller verlegt, Mauern wurden entfernt, Säulen und Träger dünner gemacht, die Decke wesentlich erhöht.

Martin Volkart, Gastronom und Berater des Umbauprojektes.
Martin Volkart erklärt die vier Teilbereiche des Restaurantkonzeptes im Casino.

«Es gibt wenig vergleichbar grosse Restaurants» erklärt Martin Volkart, Gastronom und Berater des Umbauprojektes. Er ist es, der vor Jahren erste Studien erstellte, die aufzeigten, dass sich ein eigenständig geführter Betrieb für die Burgergemeinde auf weite Sicht lohnen könnte. Und das ist etwas, was Burger*innen können: auf weite Sicht hin planen und wirtschaften.

Vier Restaurants öffnen wie eine Handorgel

Das neue Restaurant wird nun in vier Zonen eingeteilt. «Wichtig ist, dass der Raum trotzdem als ganzes erlebbar bleibt» erklärt Volkart und Adam ergänzt: «Vorne öffnen wir frühmorgens. Dann folgen nach und nach die anderen Restaurant-Bereiche, bis am Schluss wieder nur vorne der neue Salon d’Or spät in der Nacht schliesst. Wie eine Handorgel geht das.» Adam, später im Interview auch Volkart, gehen auf diese vier Restaurantteile etwas konkreter ein. Hier eine kleine Übersicht:

Das neue Restaurant im Casino Bern
Das neue Restaurant im Casino Bern – unterteilt in vier Bereiche.

1. Salon d’Or

Der Salon d’Or befindet sich im Westen des Erdgeschosses, hin zum Casinoplatz. Er ist das gastronomische Portal zum Casino und bietet zu jeder Tageszeit passende Angebote. Gäste besuchen den Salon d’Or bereits früh morgens fürs Zeitungslesen und Kaffee, mittags beispielsweise für eine Bentobox, vorabends für einen Würzbissen mit Bier oder Wein. Nachts ist der Salon offen für einen Aftershow-Cocktail.

2. Bistro(bar)

Das Bistro bildet einen offenen Übergang zwischen dem Salon d’Or und dem eigentlichen Hauptteil des Restaurants. Es besticht mit einer riesigen, runden Bar, die mit einer Kochinsel ausgestattet ist. An dieser Bar (und an einigen Tischen) isst man abends aussergewöhnlich Gewöhnliches. Ivo Adam erklärt: «Das ist unkompliziertes Fine Dining an der Bar mit Produkten von lokalen Produzenten in Portionengrösse wie Tapas, zu möglichst moderaten Preisen.» Mittags allerdings gibt es Tagesteller und Menus.

3. Restaurant

Das Restaurant befindet sich im östlichsten Bereich der Gastronomie. Durch die offene Küche kann der Gast die Zubereitung der Speisen mitverfolgen. Tische für zwei bis vier Personen gibt es an der Fensterfront im Peristyl. Dann gibt es grössere Tische für Gruppen von 6 bis 12 Personen. Es ist der Ort für geschäftliche Mittagessen und das stilvolle Abendessen mit einer beachtlichen Weinkarte: über 400 Positionen sind vorgesehen, davon über zwei Drittel Schweizer Weine. Der Einkauf von Jungweinen hat bereits letztes Jahr begonnen. 

Sicherlich wird im Restaurant der guéridon service auffallen. Das Servieren von grosses pièces von Fleisch und Fisch werden das Esserlebnis als «food sharing» präsentieren. Die grosse Terrasse gehört konzeptuell auch zu diesem Teilbereich. Sie wird künftig auch kulturell bespielt werden, ebenfalls ist ein Konzept für eine Winteröffnung in Planung. Der Chefs Table vor der transparenten Küchenfront ist auch als Teil des Restaurants zu verstehen. Dieser Tisch wird abends von Gruppen Freunde asiatischer Gaumenfreuden gebucht – der Asia Chef werkelt dann direkt am Tisch für die Gruppe.

4. Kitchen Table

Für die ganz speziellen Momente (max. 12 Personen) gibt es den Kitchen Table, ein Tisch für Gourmets direkt in der Küche. Mit der Philosophie Zurück zu den Berner Wurzeln werden höchst moderne Interpretationen von Berner Gerichten und Produkten der vergangenen Jahrhunderte zum Thema gemacht. Der Kitchen Table ist als High-End Erlebnis konzipiert.